Dürfen Yogalehrende auch mal aus der Balance geraten?

Wer Yoga unterrichtet, ist ausgeglichen, gesund, gelassen und ruht in sich selbst. Immer. Wirklich?

Dieses Bild hält sich hartnäckig. Doch hinter der Yogamatte stehen ganz normale Menschen. Mit guten und weniger guten Tagen, Zweifeln, Erschöpfung und persönlichen Herausforderungen.

Zwischen Berufung und Erwartungen

Wir ermutigen unsere Teilnehmenden, ihre Grenzen zu respektieren und Pausen einzulegen. Gleichzeitig versuchen wir selbst, allen Bedürfnissen gerecht zu werden. Schliesslich lieben wir, was wir tun. Yoga ist Herzensangelegenheit und Berufung zugleich. Doch wann wird aus Hingabe eine Verpflichtung?

Yogalehrerin und was noch alles?

Wer Yoga unterrichtet, ist längst nicht nur Yogalehrerin. Wir sind Buchhalterinnen, Rezeptionistinnen, Reinigungskräfte, Organisatorinnen, Marketingverantwortliche und Content Creator. Wir planen, kommunizieren, koordinieren und improvisieren. Und ganz nebenbei sind wir Zuhörerinnen, Vertrauenspersonen und manchmal beinahe Therapeutinnen.

All diese Rollen bleiben oft unsichtbar. Was nach aussen wie ein erfüllender Beruf voller Ruhe und Achtsamkeit aussieht, verlangt hinter den Kulissen viel Energie, Flexibilität und emotionale Präsenz.

Und irgendwo zwischen all diesen Aufgaben sollten wir auch noch Zeit für uns selbst finden.

Vielleicht entsteht der grösste Druck gar nicht von aussen, sondern durch unsere eigenen Erwartungen. Wir möchten inspirieren, Orientierung geben und Ruhe ausstrahlen. Aber müssen wir deshalb immer in Balance sein?

Yoga macht uns nicht unverwundbar. Es hilft uns vielmehr, ehrlich wahrzunehmen, wenn wir aus dem Gleichgewicht geraten. Das yogische Prinzip Ahimsa, die Gewaltlosigkeit, beginnt auch im Umgang mit uns selbst. Manchmal bedeutet das, Nein zu sagen, Verantwortung abzugeben oder sich eine Pause zu erlauben. Und manchmal bedeutet es schlicht, nicht funktionieren zu müssen.

Und wo bleiben wir selbst?

Eine Yogastunde zu unterrichten ersetzt nicht unsere eigene Yogapraxis. Denn während wir begleiten, anleiten und aufmerksam sind, richtet sich unsere Energie nach aussen.

Vielleicht zeigt sich die eigentliche Weisheit des Yoga nicht darin, niemals aus der Balance zu geraten. Sondern darin, liebevoll mit uns umzugehen, wenn es geschieht.

Denn Achtsamkeit ist kein Anspruch auf Perfektion. Sie ist eine Einladung zur Menschlichkeit. Auch uns selbst gegenüber.

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